Ein würdiger Erbe Kafkas

Für den 2025 erschienenen Roman „Zur Zeit der Schneefälle“ ist der Autor Hanno Milesi zu Recht von der Österreichischen Franz Kafka Gesellschaft mit dem Odradek Preis geehrt worden. Eine Lektüre, die sich unabhängig von einer Zuneigung zum Werke von Franz Kafka, unbedingt empfiehlt, die einen oft staunen und rätseln lässt.

„Es gab eine Zeit, da begleitete ihn, jedes Mal, wenn er nach oben in den dritten Stock stieg, das Gefühl, er begebe sich an einen Ort der Zuflucht. Gemeinsam bildeten die Stufen den Weg ins Paradies seiner eigenen vier Wände. Der Treppe fiel dabei die Aufgabe zu, zwei Orte, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, miteinander zu verbinden. Das Treppenhaus war auf einen vorübergehenden Aufenthalt ausgerichtet. Das galt für die, die hinauf oder. hinunter wollten, für die, deren Aufgabe darin bestand, es sauber zu halten, ebenso wie für den Postboten und die Müllabfuhr. Selbst der Beleuchtung stand jeweils nur eine begrenzte Zeitspanne zur Verfügung, und übernachtete ein Obdachloser, wie es in der kalten Jahreshälfte mitunter vorkam, auf einem der Treppenabsätze, war er am nächsten Morgen wieder verschwunden.“

(Hanno Milesi, Zur Zeit der Schneefälle, Wien. 2025, S. 7)

So beginnt Milesis Roman und hatte mich, mit dieser ungewöhnlichen Hommage an das Treppenhaus, direkt für sich eingenommen. Schon nach wenigen Seiten im Roman kommt es zu einem nachhaltigen Ereignis. Die Wand zwischen Rainers Wohnzimmer und dem Wohnzimmer seiner Nachbarn, dem Ehepaar Nolde, wird brüchig. Zuerst entsteht nur ein kleines Loch, doch dieses wird immer größer, so dass die jeweils andere Wohnung zur Bühne wird. Und hier ist auch die große Ähnlichkeit zu Kafka: alle nehmen die immer größer werdende Lücke in der Trennwand zwischen zwei Wohnung widerspruchslos, beinah schon als Selbstverständlichkeit, hin.

„Vom eigentlichen Durchbruch hatte Rainer gar nichts mitbekommen. Die Noldes angeblich auch nicht. Der Augenblick unmittelbar danach stand, soweit es Rainer betraf, dann schon ganz im Zeichen des Gesichtsausdrucks seines Nachbarn.
Durch seltsame Geräusche aufmerksam geworden – erst ein Knistern, gleich darauf eine Art Bröckeln -, betrat er sein Freizeitdeck und begegnete dort Herr Noldes Gesicht, das aus dem Zentrum seiner rückwertigen Wand heraus zu ihm herüberblickte.“

(Hanno Milesi, Zur Zeit der Schneefälle, Wien. 2025, S. 13)

All dies wird vom Autor Hanno Milesi, Jahrgang 1966, in einer ruhigen, sachlichen und knappen Sprache mit viel Humor auf etwa 230 Seiten geschildert – ein Roman, der in Stil und erzähltem Inhalt immer wieder an Kafka erinnert, und fesselnd und mit Gewinn zu lesen ist.

So wie das Loch in der Wand stets präsent ist, so kehren Rainer Gedanken auch immer wieder zu den gleichen Themen zurück: da ist zum einen die aktuelle Trennung von seiner Freundin Hanne, die nun offenliegende Familiengeschichte der Noldes und ein paar Handlungsstränge aus den Radionachrichten, die der Leser mitverfolgen kann, wie auch die einander näherrückenden Nachbarn sich diese Nachrichten aus den gleichen Quellen nun teilen. Die zum Teil überaus banalen Nachrichten ziehen auch den Leser in den Bann und dies fädelt der Autor so geschickt ein, wie es sonst nur soziale Medien mit ihren Reels und sonstigen Techniken fast schon suchtgleich zu schaffen vermögen. Der Autor baut so immerhin eine feine, subtile Spannung auf, die den Leser stets bei der Stange hält, wenngleich über Tiefe und auch die Gestaltung des Romanendes sich vermutlich streiten lässt – hier soll aber nichts vorweg genommen werden.


Kafka beim Eurovision Song Contest

Im Jahr 1976 belegte die französische Sängerin Catherine Ferry mit ihrem rhythmischen und eingängigen Beitrag „1, 2, 3“ den zweiten Platz für ihr Heimatland Frankreich bei Eurovision Song Contest, der damals noch „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ hieß.

In der zweiten Strophe singt sie:

Un, deux, trois
La vie n′est pas pour moi
Un livre de Kafka
Un, deux, trois

Eins, zwei, drei
Das Leben ist für mich
kein Buch von Kafka
Eins, zwei, drei

Es kann nur jedem gegönnt sein, dass das Leben eben nicht wie ein Buch von Kafka ist. Und doch ist mit diesem Beitrag ein weiterer Platz besetzt in der Aussage: Kafka ist allgegenwärtig. Selbst im Grand Prix Eurovision de la Chanson ist Franz Kafka gegenwärtig 🙂

Der Beitrag aus dem Finale 1976 ist in Youtube noch abzurufen.


Kafkas Prozess im Schauspiel Bonn

Am Samstag, den 8. Mai 2027, feiert „Der Prozess – nach dem Roman von Franz Kafka“ unter der Regie von Felix Krakau im Schauspiel Bonn Premiere. Eine Aufführung, die wir mit Spannung erwarten können. Der 36-jährige Theaterregisseur Felix Krakau setzt mit Kafkas Prozess seine Arbeit in Bonn fort, die im März 2026 Premiere mit der Neuinterpretation von Schillers „Don Carlos (A New Morning)“ feierte. Dietmar Kanthak schrieb hierzu am 23.03.2026 im Bonner General Anzeiger: „Autor und Regisseur Krakau hat Schillers schier endloses, zwischen 1784 und 1787 entstandenes dramatisches Gedicht überschrieben: etwas Neues, im besten Sinne Gegenwärtiges geschaffen, ohne dem Autor untreu zu werden“.

Von Kafkas Werken ist der Prozess der am häufigsten fürs Theater adaptierte Stoff, dicht gefolgt von der Verwandlung. Ein Grund hierfür ist die Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten, die Regisseuren und Dramaturgen nahezu unendlich Möglichkeiten bieten, den Stoff in unterschiedlichen Facetten immer wieder auf die Bühne zu bringen. Seit Peter Weiss 1974 die erste deutschsprachige Theateradaption von Kafkas Prozess schrieb, gehören unterschiedliche Varianten von Kafkas Prozess zum Standardrepertoire der nationalen und internationalen Bühnen. Die letzte Aufführung im Köln/Bonner-Raum war im Schauspiel Köln die rasante und bewegende Inszenierung von Pinar Karabulut.

Sobald weitere Details vorliegen, werde ich in diesem Blog darüber berichten, bis dahin gilt: Termine vormerken und am besten schon Karten reservieren.


Verleihung des Franz Kafka Preises 2026

Am 19. Juni 2026 wird der Franz Kafka-Preis an die Grazer Schriftstellerin Olga Flor (Jahrgang 1968) und der Odradek-Buchpreis zum Franz Kafka Preis an den Wiener Autor Hanno Milesi (Jahrgang 1966) in Klosterneuburg vergeben. Olga Flor wird für ihr bisheriges Gesamtwerk gewürdigt und Hanno Milesi aktuellster Roman „Zur Zeit der Schneefälle“ wird u.a. für seinen komisch-irritierenden Blick auf die gebrechliche Einrichtung unserer Welt ausgezeichnet.

Ausführliche Informationen zu den beiden Preisträgern finden Sie auf der Website des Literaturhauses Wien.


Kafka in falschen Händen

Schon am 24. November 2025 haben wir an dieser Stelle über die grandiose Aufführung „Kafka in falschen Händen“ des nö theaters berichtet. Im März 2026 wird das nö theater die Vorstellung in Bonn und in Köln erneut aufführen.

Termine im Kleinen Theater in Bonn:

  • 16. März 2026 um 19:00 Uhr
  • 21. März 2026 um 19:00 Uhr
  • 27. März 2026 um 19:00 Uhr

Termine im Orangerie Theater in Köln

  • 18. und 19. März 2026 um 20:00 Uhr


E.T.A. Hoffmann feiert 250. Geburtstag

Am 24. Januar 1776, heute vor 250 Jahren, wurde Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann in Königsberg geboren. Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, der seinen Namen Wilhelm aus Verehrung von Mozart zu Amadeus änderte, gehört zu den bekanntesten deutschen Schriftstellern der Romantik gehört und vor Franz Kafka als einer der wirkmächtigsten deutschsprachigen Autoren galt. Die Wirkung und Bedeutung von E.T.A. Hoffmann ist heute, auch in diesem Jubiläumsjahr, leider nicht mehr ganz so präsent wie zu seinen Lebzeiten und kurz nach seinem Tod, als seine Werke ins Russische und Französische übersetzt wurden und die Werke Hoffmanns einen großen Einfluß auf gerade die russische Literatur des 19. Jahrhunderts nahmen.

Auch die Werke von Franz Kafka sind eindeutig von der Phantasie, den traumhaften, irrealen und grotesken Szenen in Hoffmanns Werk beeinflusst, obwohl es keinen einzigen direkten Hinweis auf Kafkas Lektüre von Werken E.T.A. Hoffmanns belegt sind. In keinem Brief und an keiner Stelle im Tagebuch findet sich ein Hinweis auf E.T.A. Hoffmann.


Kubin empfiehlt Regulin

Am 26. September 1911 notiert Kafka in sein Tagebuch:

Der Zeichner Kubin empfiehlt als Abführmittel Regulin, eine zerstampfte Alge die im Darm aufquillt ihn zum Zittern bringt, also mechanisch wirkt zum Unterschied von der ungesunden chemischen Wirkung anderer Abführmittel, die bloß den Koth durchreißen ihn also an den Darmwänden hängen lassen.

(Franz Kafka, Tagebücher, Frankfurt/Main 2002, S. 40)

Ein Text der zum Singen animiert:

Der Zeichner Alfred Kubin
empfiehlt als Abführmittel Regulin.
Zerstampfte Alge, die mechanisch wirkt.
Im Darm aufquillt und ihn zum Zittern bringt.
Regulin.
Regulin.
Regulin.
Wo gehst du hin?
Regulin.
Regulin.
Regulin.
Wo gehst du hin?

Umgesetzt haben das die beiden Elektromusiker Olaf Kraemer und Frank Dieckmann von Thorax Wach auf ihrem 2024 erschienenen Album „Kafka in Berlin“ – zu hören unter https://thorax-wach.bandcamp.com/track/regulin


Weihnachten mit Kafka II

Kafka vergisst den Heiligabend

Auch wenn im Judentum kein religiös motiviertes Weihnachten gefeiert wird, war sich Franz Kafka der Feiertage und ihrer Bedeutung bewusst und beging auch im Kreise seiner Familie und Freunde das Fest, das heißt man traf sich zum Beispiel im Café Savoy, im Freundes- oder Familienkreis, man erhielt und sendete Weihnachtsgrüße, erlebte den Prager Weihnachtsmarkt und ähnliches. Da Weihnachten aber für Franz Kafka gar kein hoher Feiertag war wie für die Christen, so konnte er Heiligabend auch schon mal vergessen wie im Winter 1912. Am 24. Dezember 1912, gute drei Monate nachdem er Felice Bauer kennengelernt hat, schreibt er ihr einen Brief:

„Da ich endlich einmal ein wenig für mich geschrieben habe, bekomme ich Mut, fasse Dich bei den Armen (zarter habe ich noch nichts gehalten, als Dich bei diesem Verhör, das nun werden soll) und frage in Deine geliebten Augen hinein: „Ist, Felice, im letzten Vierteljahr ein Tag gewesen, an dem Du keine Nachricht von mir bekommen hättest? Sieh mal, einen solchen Tag gab es nicht? Mich aber läßt Du heute Dienstag ganz ohne Nachrichten, vom Sonntag 4 Uhr an, weiß ich nichts von Dir, das sind morgen bis zur Postzustellung. nicht weniger als 66 Stunden, die für mich mit allen guten und bösen Möglichkeiten abwechselnd sich anfüllen.“ Liebste, sei mir nicht böse wegen dieses Geredes, aber 66 Stunden sind doch wirklich eine lange Zeit. Ich bin mir aller Abhaltungen wohl bewußt, die Du hattest, es sind Wihnachten, Ihr habt Besuch, die Post ist unzuverlässig […] Wenn Du mir also Liebst einmal keine Nachricht geben kannst, laß es einen Sonntag einen Feiertag sein, an dem ich von Dir nichts erfahre […] Jetzt erinnere ich mich: Heute ist ja heilige Nacht. Sie ist mir unheilig vergangen, bis auf diesen Abschiedskuß.“

(Franz Kafka: Briefe 1900 – 1912, Frankfurt/Main 1999, S.358f)

Dieser Briefauszug stammt übrigens aus dem dritten Brief, den er an Felice Bauer am 24. Dezember 1912 verfasste und versendete, schon im zweiten Brief beklagte er sich über die mangelnden Nachrichten von Felice:

„Gestern Montag hatte ich nur Deinen Brief vom Samstag, heute Dienstag überhaupt nichts. Wie soll ich mich damit abfinden?“

(Franz Kafka: Briefe 1900 – 1912, Frankfurt/Main 1999, S.358f)


Weihnachten mit Kafka I

Kafkas Weihnachtserzählung

Nein, Franz Kafka hat keine klassische Weihnachtserzählung geschrieben, doch unter diesem deutschen Titel „Kafkas Weihnachtserzählung“ läuft der englische Kurzfilm „Franz Kafka’s It’s a Wonderful Life“ aus dem Jahr 1993, der 1995 mit dem Kurzfilm-Oskar ausgezeichnet wurde. Der Regisseur Peter Capaldi zeigt in seinem 23minütigen Kurzfilm einen Franz Kafka, der Weihnachten 1912 um den ersten Satz in der Verwandlung ringt, hierbei aber immer wieder von seinen Nachbarn gestört wird.

Der Kurzfilm wurde 2004 im Themenschwerpunkt „Kafka“ bei 3Sat gezeigt, ist bei Streamingdiensten oder als DVD aber leider nicht verfügbar.


Hannah Arendts 50. Todestag

Heute vor 50 Jahren, am 4. Dezember 1975 starb Hannah Arendt in New York mit 69 Jahren an den Folgen eines Herzinfarktes. Es ist insbesondere Hannah Arendt durch ihre Arbeit als Lektorin im Schocken Verlag während der 1940er Jahre zu verdanken, das Franz Kafka den amerikanischen Lesern näher gebracht wurde. Neben Ihrer Arbeit an der Gesamtausgabe der Werke Kafkas im Schocken Verlag und Ihrem Essay über Kafka, finden sich auch in ihren Werken immer wieder Bezüge zu Kafka, so zum Beispiel auch in „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft„:

„Eines der Hauptthemen in Kafkas Romanen ist die Satire auf den Schicksalsaberglauben und den mit ihm zusammenhängenden Stolz, in irgendeine furchtbare, dunkle Notwendigkeit verstrickt zu sein, in deren Unglück sich der Sinn des Lebens offenbart. Der Verklärer der bürokratischen Weltordnung im Prozeß ist der Geistliche, der dem Angeklagten K. ihr Grundprinzip in einem Satz erklärt: „Man muß nicht alles für wahr halten, man muß es nur für notwenig halten“ Woraufhin K. eben meint: „Trübselige Meinung. Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht“ Die gleiche Verkehrung spielt im Schloß eine Rolle, wo die Dorfbewohner unter der Allmacht einer bürokratischen Herrschaft leben, die ihre Geschicke bis in alle privatesten Einzelheiten kontrolliert und ihnen beigebracht hat, daß es eine Frage des Schicksals, dunkler und menschlich unkontrollierbarer Mächte ist, ob einer im Recht oder Unrecht ist […] aber das Erstaunliche bleibt, daß Kafka die Grundelemente bürokratischer Herrschaft mit all ihren Konsequenzen begriff, obwohl sie in der ihm bekannten österreichischen Bürokratie nicht voll ausgebildet waren.“

(Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft, München 1986, 19. Aufl. 2016, S. 521f)

Hannah Arendt sieht Franz Kafka nicht als Propheten, sondern versteht sie es in Ihren Werken immer wieder geschickt, ihre Philosophie und politischen Gedanken durch die Prosa und Gedankenwelt von Franz Kafka ihren Lesern zu verdeutlichen.